Das Bundesministerium für Forschung, Technologie und Raumfahrt (BMFTR) hat am 1. Juni 2026 erste Fördermaßnahmen der „Nationalen Dekade gegen Postinfektiöse Erkrankungen“ ausgeschrieben. Forschende in Deutschland können sich bis zum 2. September 2026 auf Projektförderung für klinische Studien zur Diagnostik und Therapie von postakuten Infektionssyndromen (PAIS) bewerben.
Was soll gefördert werden?
Ziel der “Richtlinie zur Förderung von Projekten zum Thema klinische Studien mit hoher Relevanz für die Versorgung von Patientinnen und Patienten mit postinfektiösen Erkrankungen” (externer Link) ist das Schließen von Evidenzlücken hinsichtlich der Versorgung von Menschen, die mit postakuten Infektionssyndromen (PAIS) leben. Es sollen neue Ergebnisse generiert werden, wie diese Patient*innen zukünftig besser diagnostiziert und mit welchen Medikamenten sie gezielt behandelt werden können. Die Ausschreibung ist auf PAIS ausgerichtet, wozu insbesondere Long COVID/Post-COVID-Syndrom und ME/CFS (Myalgische Enzephalomyelitis / Chronisches Fatigue-Syndrom) zählen. Nicht Gegenstand der Förderung sind andere infektionsassoziierte Erkrankungen, wie z. B. Multiple Sklerose oder Typ I-Diabetes.
Neue Forschungsprojekte werden entlang von drei Modulen gefördert:
- Modul 1 (bis zu 5 Jahre Laufzeit): Konfirmatorische und explorative klinische Studien
- Modul 2 (bis zu 2 Jahre Laufzeit): Systematische Übersichtsarbeiten zu klinischen Studien
- Modul 3 (bis zu 18 Monate Laufzeit): Konzeptphasen mit aktiver Patient*innenbeteiligung
Modul 1 richtet sich an Förderprojekte, bei denen multizentrische, prospektive, randomisierte, kontrollierte klinische Studien zum Wirksamkeitsnachweis diagnostischer Verfahren und/oder Therapien (z. B. Medikamenten) bei PAIS durchgeführt werden. Auch die Förderung explorativer klinischer Studien mit einer nur geringen Zahl von Patient*innen wird in diesem Modul ermöglicht, wenn diese Studien als vorbereitende Grundlage für darauffolgende größer angelegte Vorhaben mit mehr Patient*innen dienen. Bei allen Studien müssen mindestens zwei Standorte beteiligt sein, wobei begründete Ausnahmen möglich sind.
Modul 2 dient der Förderung von Übersichtsarbeiten, d. h. Arbeiten an wissenschaftlichen Fachartikeln (inkl. Aktualisierungen) zu klinischen Studien zum Thema PAIS. Dieses Modul fördert somit das Zusammentragen und die systematische Aufbereitung von Erkenntnissen auf theoretischer Ebene. Daraus gewonnene Erkenntnisse können wiederum als Grundlage für zukünftige klinische Studien im Rahmen zusätzlicher Fördermaßnahmen der “Nationalen Dekade” dienen, z. B. zur Erprobung von weiteren Medikamenten.
Modul 3 ist besonders, insofern dass hiermit explizit Konzeptphasen gefördert werden, in denen Betroffene (und weitere relevante Zielgruppen) eine aktive Rolle bei der Planung und Konzeption zukünftiger klinischer Studien (gemäß Modul 1) einnehmen. Darunter fallen z. B. die gemeinschaftliche Konzipierung des Designs zukünftiger Forschungsprojekte oder die partizipative Entwicklung und/oder Pilotierung von Therapiestudien. Nach der Konzeptphase geförderter Projekte wird das geplante Vorhaben zeitnah begutachtet. Positiv begutachtete Projektskizzen können sogar in klinische Studien umgesetzt werden, wobei auch hier eine enge Kooperation mit Betroffenen erfolgen muss.
Staatliche und staatlich anerkannte Hochschulen, außeruniversitäre Forschungseinrichtungen, Träger der Gesundheitsversorgung (z. B. Krankenhäuser) sowie zivilgesellschaftliche Organisationen können sich auf Fördermittel der Module bewerben. Unternehmen, deren Forschung privatwirtschaftliche Interessen verfolgt, können sich zwar nicht selbst bewerben, jedoch als Kooperationspartner z. B. im Rahmen gemeinsamer Projekte mit Hochschulen oder Kliniken. Forschungseinrichtungen im Ausland können an Förderprojekten beteiligt werden, sofern die Projektanteile der internationalen Partner*innen eigenständig finanziert sind.
Zur Höhe der Fördermittel dieser ersten Förderrichtlinie liegen aktuell noch keine Informationen vor.
Fokus auf die Beteiligung von Betroffenen
Hervorzuheben ist bei der aktuellen Förderrichtlinie der deutliche Fokus auf die Beteiligung von Betroffenen. Dazu gehören Patient*innen-Organisationen oder auch Initiativen von pflegenden Angehörigen, z. B. Eltern betroffener Kinder und Jugendlicher. Laut Förderrichtlinie ist die aktive Einbindung dieser Gruppen “ein wesentlicher Erfolgsfaktor, um die Relevanz und Qualität von klinischen Studien und systematischen Übersichtsarbeiten zu erhöhen”. Betroffene sollen bereits in der Planungs- und Konzeptphase geplanter Projekte beteiligt werden, um z. B. die Definition von Forschungsfragen und das Forschungsdesign mitzugestalten. Die Vergabe von Fördermitteln erfolgt nur an Projekte, die Betroffene “in angemessener Weise an Planung, Durchführung und Verbreitung der Ergebnisse beteiligen”. Projekte ohne diese Beteiligung können nur in begründeten Ausnahmefällen gefördert werden.
Mit Blick auf die Forderungen der ME/CFS Research Foundation (und anderer Patient*innen-Organisationen) der letzten Monate (vgl. unsere Stellungnahme zum Fachgespräch im Forschungsausschuss des Deutschen Bundestages vom 17. Dezember) bewerten wir die in der Ausschreibung formulierten Anforderung zur Betroffenen-Beteiligung als positiv. Unsere Forderung vom 17. Dezember 2025, “eine umfassende und frühestmögliche Beteiligung von Patient*innenvertreter-Expert*innen (…) als grundlegende Voraussetzung für den strategischen Erfolgt der Nationalen Dekade” zu verstehen, sehen wir im Rahmen dieser Förderrichtlinie zunächst als erfüllt an. Wichtig ist, dass dies auch konsequent in den zu fördernden Projekten umgesetzt wird.
Was bedeutet die neue Förderrichtlinie für die ME/CFS-Forschung?
Mit der Förderrichtlinie für klinische Studien beginnt der Auswahlprozess für erste Forschungsprojekte im Rahmen der “Nationalen Dekade”. Der Start ausgewählter Förderprojekte fällt voraussichtlich auf die erste Jahreshälfte 2027. Angesichts der geplanten Projektlaufzeiten der Ausschreibung (bis zu 5 Jahre in Modul 1) werden erste Ergebnisse klinischer Studien der “Nationalen Dekade” zu möglichen Therapieansätzen für ME/CFS und Post-COVID-Syndrom erst in einigen Jahren vorliegen. Bis es, nach Vorliegen positiver Ergebnisse, zur flächendeckenden Bereitstellung getesteter Medikamente kommt, wird also noch Zeit vergehen. Im Verlauf der nächsten Monate ist damit zu rechnen, dass weitere Fördermaßnahmen und Ausschreibung, z. B. für den Bereich der Grundlagen- und Translationsforschung, veröffentlicht werden. Auch weitere Förderinitiativen für die Therapieentwicklung sind erforderlich und werden in den nächsten Monaten und Jahren über die “Nationale Dekade” umgesetzt werden.
Wichtig zu erwähnen ist, dass bereits jetzt Studien zur ME/CFS-Therapieentwicklung in der Planung und Umsetzung sind, z. B. im Rahmen der Nationalen Klinischen Studien Gruppe (NKSG). Eine Übersicht zu aktuellen Therapiestudien gab Prof. Dr. Carmen Scheibenbogen am 8. Mai bei der International ME/CFS Conference 2026. Ergebnisse aus einigen dieser Vorhaben liegen bereits vor und werden ggf. zeitnah in die Nutzenbewertung neuer Off-Label-Therapien für ME/CFS und Post-COVID-Syndrom einfließen. Andere, sich aktuell in Planung bzw. Durchführung befindende Studienvorhaben (wie z. B. zur B-Zell- und Plasmazell-Depletion) könnten schon bald erste Ergebnisse liefern.
Ausschreibung und Umsetzung staatlich finanzierter Förderprojekte beanspruchen erfahrungsgemäß Zeit. Daher ist es uns als Stiftung wichtig, zeitnah eigene neue Förderprojekte auf den Weg zu bringen. Vor diesem Hintergrund haben wir im Februar unser Forschungsförderprogramm 2026 gestartet, finanziert mit mindestens 2 Millionen Euro für biomedizinische Forschungsprojekte (Grundlagen-, Translations-, und Therapieforschung). Nach der aktuell laufenden Begutachtungsphase planen wir im Juli 2026 bekannt zu geben, welche Förderprojekte ausgewählt wurden. Bis spätestens September 2026 sollen die geförderten Projekte beginnen. Die vorgesehenen Projektlaufzeiten betragen maximal zwei Jahre, so dass vorläufige Ergebnisse bestenfalls bereits Ende 2027/Anfang 2028 vorliegen könnten. Wir hoffen, damit wichtige Beiträge zur Erforschung von ME/CFS zu leisten. Ein Ziel ist auch, dass die Ergebnisse unserer Förderprojekte Grundlagen für weitere ME/CFS-Forschungsvorhaben im Rahmen der “Nationalen Dekade” bilden und dadurch den Forschungsfortschritt beschleunigen. Unser Förderprogramm bildet somit eine wichtige Ergänzung zur staatlichen Förderung.
Alles in allem ist das ME/CFS-Forschungsfeld in Deutschland heute so breit aufgestellt und mit so viel Fördermitteln ausgestattet wie noch nie zuvor in der Geschichte dieser Erkrankung. Doch gute Forschung braucht vor allem auch Zeit. Auch, da mittlerweile feststeht, dass es sich bei ME/CFS um eine sehr heterogene und komplexe Erkrankung handelt, bei der verschiedene Krankheitsmechanismen vorliegen, für die es am Ende diverse Therapieansätze benötigt. Für die schnellstmögliche Erreichung des zentralen Ziels der ME/CFS-Forschung – die Entwicklung und flächendeckenden Verfügbarkeit wirksamer Therapien – wird vor allem der Erfolg der “Nationale Dekade” entscheidend sein.
Wie geht es weiter mit der Nationalen Dekade?
Den aktuellen Stand der Nationalen Dekade mit Informationen zum Vorgehen und zur Ausgestaltung fassen wir in einem separaten Beitrag zusammen. Informativ sind hierzu auch diese Vorträge im Rahmen der International ME/CFS Conference 2026:
- Das Grußwort von Dorothee Bär (Bundesministerin für Forschung, Technologie und Raumfahrt), in dem u.a. die nun erfolgte Förderausschreibung angekündigt wurde;
- Der Vortrag von Prof. Dr. Natascha Sommer (Vertreterin der Deutschen Zentren der Gesundheitsforschung (DZG) im Rahmen der “Nationalen Dekade”), in dem auf die bisherige Forschungsförderung und zukünftig geplante Inhalte und Strukturen der “Nationale Dekade” eingegangen wird.
Wie kann man die Arbeit der ME/CFS Research Foundation unterstützen?
Obwohl Fortschritte erzielt wurden, ist es noch ein weiter Weg, bis die Diagnose, Versorgung und Behandlung von ME/CFS-Patient*innen eines Tages zum etablierten medizinischen und sozialen Standard gehören. Als ME/CFS Research Foundation fokussieren wir uns auf die biomedizinische Forschung, in der wir das Schlüsselelement zur Lösung dieser Probleme sehen (mehr dazu in unserer Förderstrategie und im letzten Halbjahresbericht, der unsere Aktivitäten zusammenfasst). Dafür brauchen wir umfassende Unterstützung von privaten Spendenden – Betroffene, Angehörige, Familien, Freunde, Vereine, Schulen, Netzwerke, Unternehmen, Initiativen, Veranstaltende und alle Unterstützenden. Und wer nicht direkt fördern kann, kann unsere Story teilen und so andere motivieren zu helfen. Denn nur gemeinsam können wir dieses Ziel erreichen.
Wir überführen Spenden und sonstige Unterstützung vollständig in wissenschaftlich exzellente Forschung, Vernetzung der Forschenden und schließlich sichtbare Erfolge, d.h. bessere Diagnostik und Therapien. Dabei arbeiten wir mit anderen Organisationen und Initiativen gerne zusammen – kommen Sie auf uns zu!
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