PressEmitteilung
Gesellschaftliche Kosten durch Long COVID und ME/CFS steigen weiter – 64,4 Milliarden Euro allein in 2025
Hamburg, 27. April 2026
Die Stiftung ME/CFS Research Foundation und Risklayer, ein Unternehmen für Risiko-Modellierung, haben neue Daten und Erkenntnisse zu den gesellschaftlichen Kosten von Long COVID und ME/CFS in Deutschland veröffentlicht. Die Publikation ist ein Update der im Mai 2025 erstmals veröffentlichten Studie. Die Studie beziffert die jährlichen gesellschaftlichen Gesamtkosten durch Long COVID und ME/CFS in Deutschland für das Jahr 2025 auf 64,4 Milliarden Euro, nachdem sie 2024 noch 63,1 Milliarden Euro betrugen. Das entspricht etwa 1,44% des Bruttoinlandsprodukts.
Die Gesamtkosten seit Beginn der Pandemie (2020-2025) summieren sich laut Bericht auf über 318,8 Milliarden Euro. Die Modellierung der Kosten erfolgte auf Basis bewährter Methoden der Katastrophenfolgenabschätzung, die soziale, medizinische und ökonomische Effekte berücksichtigt. Das Daten-Modell selbst steht Open Source zur Diskussion zur Verfügung.
Über 1,4 Millionen Betroffene – Ein unverändert dramatisches Bild
Laut der aktualisierten Studie leben in Deutschland zum Dezember 2025 mehr als 1,4 Millionen Menschen mit diesen oft schweren und bisher unheilbaren Multisystemerkrankungen. Davon sind rund 757.000 Menschen an Long COVID und weitere 657.000 Menschen an ME/CFS erkrankt. Während die Zahl der ME/CFS-Fälle im Jahr 2025 im Vergleich zum Vorjahr leicht anstieg, gingen die Long COVID-Fälle etwas zurück. Beide Erkrankungen führen weiterhin zu dauerhaften Funktionseinschränkungen und Erwerbsunfähigkeit, da sie mangels hinreichender Forschung nicht ursächlich therapierbar sind.
Persönliche Schicksale und volkswirtschaftlicher Schaden bleiben immens
Long COVID und ME/CFS ziehen für viele Betroffene den Verlust von Alltag, Beruf und sozialer Teilhabe nach sich. Auch junge Menschen können ihre Ausbildung oft nicht mehr fortsetzen. Pflegende Angehörige übernehmen einen Großteil der Versorgung unter großer Belastung. Auf gesellschaftlicher Ebene entstehen weiterhin erhebliche Kosten: für medizinische Versorgung, Pflege, Arbeitsausfälle, Sozialleistungen und entgangene Steuereinnahmen. Unternehmen erleiden Produktivitätsverluste, Kaufkraft geht verloren. Die seit 2022 anhaltend hohen Kosten belegen die immense gesellschaftliche und volkswirtschaftliche Belastung.
Hohe Dunkelziffer bei SARS-CoV-2 Infektionen – Neue Fälle von Long COVID und ME/CFS sind die Folge
Das Infektionsgeschehen bleibt weiterhin hoch: Im Jahr 2025 infizierten sich in Deutschland zwischen 13 und 15 Millionen Menschen mit SARS-CoV-2. Dies zeigen Daten-Analysen auf Grundlage von Virus-Abwasserlast-Messungen und Meldungen aus Notaufnahmen sowie Intensivstationen. Die tatsächliche Zahl der SARS-CoV-2-Infektionen liegt 80 bis 200 Mal höher als die Zahlen der offiziellen Statistik des Robert Koch-Instituts (RKI) und offenbart eine erhebliche Dunkelziffer nicht erfasster Krankheitsfälle. Die anhaltend hohe Zahl an Neuinfektionen führt zwangsläufig zu neuen Long COVID-Erkrankungen und zeitverzögert auch zu neuen ME/CFS-Fällen.
Forschungsausgaben in keinem Verhältnis zum Schaden – Dringende Notwendigkeit biomedizinischer Forschung
Die aktuellen Analysen und ein Vergleich mit internationalen Studien zeigen, dass in den nächsten Jahren mit einem weiteren Anstieg postinfektiöser Krankheiten in der Bevölkerung zu rechnen ist. Angesichts fehlender wirksamer Therapieoptionen ist zu erwarten, dass die dadurch verursachten Kosten hoch bleiben werden. Daher mahnen die Autor*innen, gezielt und effektiv in Forschung und Therapieentwicklung zu investieren. Der Bericht empfiehlt die Intensivierung der biomedizinischen Forschung durch gezielte Investition in die Biomarker-, Diagnostik-, und Therapieentwicklung als entscheidenden Beitrag zur Reduktion der hohen Krankheitslast. Eine maßgebliche Kostenminderung könne nur erreicht werden über das Absenken der Prävalenz, über die Erhöhung von Genesungsraten und die Reduzierung des Schweregrades bestehender Erkrankungen. Der Bericht enthält zudem weitere Empfehlungen zur Beschleunigung des Forschungsfortschritts in diesem Bereich.
Jörg Heydecke, Geschäftsführer der ME/CFS Research Foundation und Co-Autor der Studie, mahnt: „Unsere aktuellen Analysen zeigen, dass Long COVID und ME/CFS auch sechs Jahre nach Beginn der COVID-19-Pandemie anhaltend hohe Belastungen für Betroffene und die Gesellschaft verursachen. Jährlichen Kosten von 64,4 Milliarden Euro stehen jetzt 500 Millionen Euro an angekündigter Forschungsförderung der Regierung über die nächsten 10 Jahre gegenüber. Eine schnelle und effektive Vergabe dieser Fördermittel ist entscheidend. Die Entwicklung wirksamer Behandlungsmöglichkeiten ist der einzige Hebel zur nachhaltigen Kostensenkung. Der Erfolg der „Nationalen Dekade” wird daran gemessen, ob wirksame Therapien in den nächsten Jahren verfügbar sein werden.”
Hintergrund: Im Rahmen der „Nationalen Dekade gegen Postinfektiöse Erkrankungen” will die Bundesregierung im Zeitraum 2026 bis 2036 jährlich 50 Millionen Euro in die Erforschung postinfektiöser Erkrankungen investieren. Zu den bisher formulierten Förderzielen gehören Forschungsprojekte in den Bereichen Krankheitsmechanismen und Immunologie, Diagnostik und Biomarker, Neurologie und psychische Gesundheit sowie ME/CFS. Auch die Stärkung klinischer Studien ist eine wichtige Priorität.
Vollständige Studie: Die Studie samt Datenmodell ist auf der Webseite der ME/CFS Research Foundation verfügbar. Risklayer stellt die verwendeten Daten zur öffentlichen Prüfung zur Verfügung.
https://mecfs-research.org/costreport-long-covid-and-mecfs/
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Über die ME/CFS Research Foundation
Die gemeinnützige ME/CFS Research Foundation mit Sitz in Hamburg finanziert und fördert biomedizinische Forschung zu den Krankheitsbildern ME/CFS (Myalgische Enzephalomyelitis/ Chronisches Fatigue-Syndrom) und Long COVID. Ziel ist es, Diagnostik und Therapieansätze zu entwickeln, um die ungenügende Versorgungslage zu verbessern. Die Stiftung arbeitet dabei eng mit Forschenden und ME/CFS-Patient*innen-Organisationen zusammen.
Aufgrund bisher unzureichender Forschung gibt es bis heute keine wirksame Therapie für diese häufigen und schweren Multisystemerkrankungen. Die Stiftung finanziert Forschungsprojekte, vernetzt Forschende, macht Forschungsfortschritt transparent und stellt Fakten und Ressourcen zur Aufklärung bereit.
Über Risklayer
Risklayer ist ein Karlsruher Beratungsunternehmen für Risikoanalyse und Risikomanagement mit langjähriger Erfahrung in der Modellierung kritischer Ereignisse und Naturkatastrophen (z.B. geophysikalische und meteorologische Ereignisse, Konflikte). Zu seinen Kunden zählen viele Regierungen, NGOs und Firmen weltweit. Die Firma hat Büros in Deutschland und Australien.
Während der COVID-19-Pandemie versorgte es Forschung, Medien und Behörden mit unabhängigen, datenbasierten Analysen, u.a. auch zu täglichen Infektionszahlen in Deutschland.
Homepage: https://www.risklayer.com
Über ME/CFS (Myalgische Encephalomyelitis/Chronisches Fatigue Syndrom) und Long COVID:
ME/CFS (Myalgische Enzephalomyelitis / Chronisches Fatigue-Syndrom) ist eine chronische, schwere Multisystemerkrankung mit vielfältigen Störungen v.a. des Nerven- und Immunsystems. ME/CFS entsteht überwiegend post-infektiös, auch als Folge von COVID-19. Es ist die schwerste Form von Long COVID. ME/CFS-Erkrankte haben ausgeprägte körperliche und kognitive Symptome, eine sehr niedrige Lebensqualität und oft einen hohen Grad der Behinderung. 60 bis 75 Prozent aller Erkrankten sind arbeitsunfähig, viele davon sind an Haus oder Bett gebunden. Leitsymptom ist eine schwere Belastungsintoleranz mit Symptomverschlechterung nach Alltagsaktivitäten (post-exertionelle Malaise, kurz PEM). Die Diagnosestellung von ME/CFS ist aufgrund bisher fehlender Biomarker nur mit aufwendiger Anamnese und bereichsübergreifender Ausschlussdiagnostik möglich. Vielen Ärzt*innen fehlen die dafür erforderlichen Kenntnisse. Oft dauert es Jahre bis Betroffene eine Diagnose erhalten. Bisher gibt es keine wirksame Therapie. Erwachsene mit ME/CFS haben derzeit kaum Aussicht auf Besserung und Wiedereingliederung in das Berufsleben. Besser ist die Prognose für Kinder und Jugendliche, dennoch sind langfristige Schulfehlzeiten die Regel. Für die meisten Betroffenen ist eine Teilhabe am normalen Leben mit Beruf, Ausbildung, Freund*innen, Sport, Hobbys etc. nicht möglich.
In Deutschland lag die Zahl der Menschen, die mit ME/CFS leben, im Jahr 2025 bei mehr als 657.000. Ein Teil der durch COVID-19 an Long COVID bzw. Post-COVID-Syndrom erkrankten Personen erfüllt die Diagnosekriterien für ME/CFS. Bereits vor der COVID-19-Pandemie lebten etwa 400.000 Menschen in Deutschland mit ME/CFS. Weltweit liegt die Zahl der Betroffenen bei weit über 40 Millionen. Die medizinische Versorgungslage der Erkrankten ist ungenügend. Oft kommt es zu Fehldiagnosen und daraus resultierenden Folgeschäden.
Die hohe Zahl der Betroffenen ist für alle Bereiche der Versorgung sowie auch ökonomisch, durch den krankheitsbedingten Ausfall von Ausbildungszeit und Arbeitskraft, ein zunehmend kritischer Faktor.
Alle genannten Zahlen und Quellen finden Sie auf unserer Website: https://mecfs-research.org/was-ist-me-cfs